Prof. Alexander Roob

Stuttgart, 2015

Bereits in den beiden Grundsemestern hat sich Ines Spanier gegenüber ihren Kommiliton/innen durch eine ganz bemerkenswerte Entschiedenheit der Haltung und eine entsprechende Konsequenz in der Konzentration auf ihre Arbeit ausgezeichnet. Ihr Interesse gilt der zeichnerischen Erkundung materialer Strukturen, die sie bis in den mikroskopischen Nahbereich hinein betreibt. Das Moment der Zeitlichkeit spielt dabei eine entscheidende Rolle, sowohl in der Dauer der Zeichenarbeit als auch in der Wahl der Motive. Es sind bevorzugt Materialien, die sich in einem Zustand der Verwitterung und der Auflösung befinden, Materialien an denen offensichtlich “der Zahn der Zeit nagt.“ Die Reflexion von Vergänglichkeit als ein Grundthema in der künstlerischen Arbeit von Ines Spanier geht auf eine minutiöse Beobachtung des eigenen Körpers zurück. In einer frühen Zeichnung von 2009 bildete sie ein einzelnes Körpersegment in der Gestalt einer sich vortexartig ausdehnenden Hautlandschaft ab. Die kosmische und organismische Dimension, die ihre weiteren Arbeiten auszeichnen, ist in dieser initialen Arbeit bereits vorgeprägt. Ines Spanier betreibt keinen formelhaften Hyperrealismus, sondern entwickelt ihre Arbeit vor einem offenen Horizont der Selbsterfahrung und Selbsterforschung. In ihrer Zeichenarbeit entspricht diese Auslotung des Inneren einer Obsession für eine potentiell infinite Durchdringung von Oberflächenstrukturen bis hinein in einen unergründlichen Nanobereich. Dieser Drang nach Tiefenräumlichkeit verleiht den Zeichnungen von Ines Spanier einen unverwechselbaren Anflug von Diaphanität und Fantastik. Die fotografische Wirklichkeit erfährt hier eine Wendung in einen Bereich des Informellen, in dem es kaum mehr eine retinale Orientierung gibt. Die wiederholten motivischen Verweise auf Taktilität und Blindheit („Blindenspur“ und Blindenschrift) führen zum Kern der Zeichnungen. Die Übersetzungsleistung, auf der sie beruhen und die Hermeneutik, die sie in Gang setzen, werden in der jüngsten Arbeit thematisiert. Ines Spanier ist eine Künstlerin, die sich nicht nur durch ein erstaunlich hohes Reflexionsniveau und den Eigen- und Tiefsinn ihrer Arbeiten auszeichnet. Die Radikalität und Konsequenz, mit der sie quasi im Selbstversuch Lebenszeit seismographisch verschriftet und damit quasi materialisiert und kondensiert, ohne dabei einer eindimensionalen konzeptuellen Rhetorik zu verfallen, sucht in der zeitgenössischen Kunst ihres Gleichen.